Menschen können viel bewegen

In unzähligen Berichten und Festreden zum 9. Oktober 1989 wird vom Mut und der Entschlossenheit der Menschen gesprochen, die am Abend über den Leipziger Stadtring zogen. Diese Nacht, in der eine unerwartete Menge von Demonstranten nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche das Großaufgebot "aufmunitionierter Sicherheitskräfte" schlicht überforderte, ist längst Geschichte. Mal ist die Rede von den "70.000", mal von den "Helden" von Leipzig. Fotoauswertungen dieser Montagsdemonstration haben Anfang der neunziger Jahre ergeben, dass es weit mehr als 120.000 Menschen gewesen sein müssen.(1)

Wer waren diese Menschen? Woher kamen sie? Was hat sie bewegt?
Wie und wo leben sie heute?

Nach 22 Jahren ist es noch möglich, Antworten auf diese Fragen aus erster Hand zu bekommen - die ganze Spanne der Lebensumstände und Motive möglichst vieler zu erfahren. Das Ziel des Projektes "Wir bleiben hier" ist, in den kommenden Jahren eine möglichst große Anzahl jener Demonstranten zu erfassen und zu befragen. Greifbare Geschichte kann noch lebendig gemacht werden.
Ein Geschichtsbuch des 9. Oktober, das der namenlosen Menge Stimme, Gesicht und Individualität gibt - in dem sich die beharrlichen Streiter der Initiativgruppen genauso wiederfinden, wie die Vielen, die den Protest "aufgenommen und unterstützt haben" (2) - ist noch nicht geschrieben. Jeder, der dabei war, ist eingeladen, diesem Projekt Leben zu geben. Wenn Sie zu den Bewegten gehörten, die die Geschichte einen entscheidenden Schritt voran gebracht haben, dann melden Sie sich bitte. Geben Sie einigen Seiten in dem, zu erarbeitenden Zeitdokument Leben!
Tragen Sie sich ein. Damit alle, die Wissen wollen, in einigen Jahren diese Dokumentation aufschlagen können. "In der Geschichtsschreibung ist Oral Historie, die Aufzeichnung mündlich überlieferter Geschichte, die elementarste Möglichkeit, etwas aus der Vergangenheit zu erfahren" (3)

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Quellen: 1. Die volkseigene Revolution, Karl Dieter Opp und Peter Voss, Klett-Cotta, 1993, 2. Prof. Dr. phil. Peter Graf Kielmansegg, Eröffnungsansprache Demokratiekonferenz 2009, 3. Monika Rox-Helmer, Mehr als "Erzähl doch mal" in Geschichte lernen, Heft 68, 1999